Nach der Flucht bleibt die Ungewissheit | NDR

Rate this item
(1 Vote)

von Carolin Fromm

 

"Die Wohnbedingungen sind fast unerträglich." Wenn Maissa zu reden beginnt, stoppt nur der Übersetzer ihren Wortfluss. Die 39-Jährige trägt ein weißes Kopftuch mit rosa Punkten, beugt sich nach vorne, fixiert ihr Gegenüber. Vor zwei Wochen kam die Syrerin mit drei Töchtern und dem Sohn in die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Industriegebiet in Hamburgs Norden. In den ersten Tagen musste die Familie in einem Großraumzelt auf improvisierten Liegen schlafen; zusammen mit Flüchtlingen aus anderen Ländern - zusammen mit vielen Männern.

 

Flüchtlingsunterkunft in der Sportallee. Flüchtlingsunterkunft in der Sportallee. Fotograf: Carolin Fromm

 

 

So schnell wie möglich arbeiten

"Von der Unterbringung bin ich sehr enttäuscht. Sie war voller Kriechtiere und die Kinder hatten überall Insektenstiche", erzählt Maissa. Die Gesundheitsinspektorin sitzt mit der ebenfalls 39-jährigen Basma auf Holzstühlen vor einem Kiosk an der großen Straßenkreuzung, an der die Flüchtlingsunterkunft liegt. Andauernd laufen Eltern kleinen Kindern hinterher, die durch den dichten Verkehr auf die andere Seite wollen. Auch Basma ist Mutter und lebte wie Maissa vor Beginn des Bürgerkrieges in einer schönen Wohnung in Syriens Hauptstadt Damaskus. Seit fünf Wochen teile sie sich mit ihren vier Kindern, Mann und Bruder fünf Betten in der überfüllten Aufnahmeeinrichtung, erzählt sie. Sie selbst schlafe auf einer aufblasbaren Matratze. "Unser Haus, alles Hab und Gut ist zerstört. Mein Mann ist Ingenieur, wir wollen schnell Deutsch lernen und arbeiten, denn der Aufbau unseres neuen Lebens muss hier beginnen."

 

Die Kinder wollen lernen

Basmas elfjährige Tochter drückt sich an den Stuhl, auf dem ihre Mama sitzt. "Explosionen", sagt sie. Davor habe sie Angst. Das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren und der bunten Kette um den Hals lächelt entwaffnend. Augenärztin will sie einmal werden. "Ich würde sehr gerne zur Schule gehen", sagt das Mädchen. Auch Maissas Kinder haben seit über zwei Jahren nichts gelernt. Und selbst jetzt, in Hamburg, weiß die Mutter nicht, ob sich das bald ändern wird. "Die Kinder sind unglücklich darüber und lungern den ganzen Tag rum." Dabei hätten sie einen Lichtblick verdient.

 

Syrien, Italien, Deutschland - endlich ankommen

Nach Monaten der Flucht von Haus zu Haus in Syrien zahlte Maissa viel Geld für die Überfahrt auf einem Schiff. "Uns wurde sogar ein eigener Raum versprochen. Wir hatten dann aber nicht einmal Platz zum Sitzen." Maissas Mann blieb zurück, spart noch für seine eigene Flucht. Nach Tagen auf See strandeten Mutter und Kinder in Italien. Sie kamen in ein offenes Camp und machten sich mit anderen auf in Richtung Schweden. "All das war weniger schlimm als die ständige Angst, die wir in Syrien erlebt haben", fügt sie hinzu.

In Flensburg hält die Polizei Maissa und ihre Gruppe auf, nimmt ihnen ihr Geld ab und bringt Mutter und Kinder erst nach Neumünster, dann nach Hamburg. Maissa versteht nicht, wieso sie ihr Geld nicht zurück bekommt, um ihren Kindern etwas zwischen den Mahlzeiten zu kaufen; um zum Arzt zu fahren. Sie hofft, dass sie in Hamburg bleiben kann. Endlich ankommen. Und gleichzeitig hat sie ein bisschen Angst, "dass die Kinder nicht zurück wollen nach Syrien, wenn sie länger hier sind und sich wohl fühlen."

 

Deutsch-Syrische Gesellschaft will helfen

Die Erzählungen der beiden Frauen übersetzt Hassan Ied. Am Handgelenk trägt er ein weiß-grünes "Free Syria"-Armband. Der Arzt ist Deutscher syrischer Abstammung und hat mit rund 20 Mitstreitern die Freie Deutsch-Syrische Gesellschaft in Hamburg gegründet. Seit über drei Jahren sammeln sie Medikamente, Zelte und medizinische Geräte. Gleich wird er wieder Kleidung und gespendete Kinderwagen aus dem Auto laden. Für kommenden Sonnabend hat er ein Treffen für alle Flüchtlinge in der Kirche St. Marien in Ohlsdorf organisiert. "Wir wollen einfach mal hören, was sie brauchen, welche Sorgen und Nöte sie haben."

 

War es Giftgas?

Die Sorgen und Nöte seiner eigenen Familie erfährt Ied über Whatsapp und Skype. Zwar seien viele Verwandte mittlerweile in der Welt verstreut. Seine Geschwister lebten aber noch in Syrien, auf der Flucht von Haus zu Haus. Ied sagt, er stamme aus Qabon in der Nähe Ghutas - dem Ort, an dem der mögliche Giftgas-Einsatz stattgefunden haben soll. "Meine Verwandten dort bestätigen das. Auch die Tiere sollen betroffen sein. Sie berichten außerdem, dass schon länger Gas in geringeren Dosen eingesetzt worden ist."

 

Ied will Flüchtende medizinisch betreuen

Vor drei Wochen, erzählt Ied, sei er das letzte Mal in Syrien gewesen. Die Freie Syrische Armee habe ihn über die türkische Grenze nach Idlib gebracht. Mit seinem Pilotenkoffer voller medizinischer Geräte ist er von Container zu Container gegangen, um die Flüchtlinge zu behandeln. Auch in Hamburg will der Allgemeinmediziner sein Köfferchen einsetzen. Jeden Tag rechnet er mit grünem Licht dafür, einen Behandlungsraum in der Flüchtlingsunterkunft aufmachen zu dürfen. Denn bisher kommt nur zwei Mal die Woche ein Arzt und der, meint Ied, habe längst nicht für alle Zeit. Basmas Mann hat eine künstliche Herzklappe. "Diese müsste unbedingt wieder kontrolliert werden", mahnt sie Ied bittend.

 

"Syrien ist ein zerstörtes Land"

Während Basma und Maissa sich um die Bildung ihrer Kinder, die Gesundheit und Wohnsituation sorgen, diskutieren internationale Politiker darüber, ihre Heimat mit Bomben anzugreifen. Beide Mütter sind enttäuscht von der internationalen Gemeinschaft: "Die zögernde Haltung hat dazu geführt, dass Syrien heute ein zerstörtes Land ist. Ein Eingriff jetzt würde nur noch mehr zerstören, noch mehr Zivilisten Leid bringen." Ihr Volk sei stark, es könne die Probleme alleine regeln. Das hoffen sie zumindest. Sie glauben trotzdem, dass es ein langer, ein zermürbender Krieg sein wird. Andere Syrer in Hamburg wünschen sich eine Intervention, hoffen damit auf ein schnelles Ende des Konflikts. Doch egal, wie lange er auch dauern wird - Basma strahlt, wenn sie an ihre Heimat denkt. "Syrien ist ein wunderschönes Land. Sobald Sicherheit herrscht, sind wir die ersten, die zurückgehen."

 

Basma ist mit ihrer Familie aus Damaskus geflohen. Fotograf: Carolin Fromm 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stand: 28.08.2013 17:26 Uhr

© Norddeutscher Rundfunk

 

NDR Beitrag ansehen

Last modified on Montag, 09 September 2013 11:28
Login to post comments

Copyright © 2014 www.freie-deutsch-syrische-gesellschaft.info. All Rights Reserved.